Burn-out-Syndrom - Die ayurvedische Sicht

 

 

 

Menschen sind heutzutage vielfach gezwungen, in Berufen zu arbeiten, die nicht zu ihnen passen oder nicht ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechen und ihnen wenig Freiraum zur individuellen Entfaltung geben. Gleichzeitig besteht häufig eine Überlastung mit Arbeit und wenig bis gar keine Zeit zur freien Gestaltung. Der beständige Druck des Erreichenmüssens von hochgesteckten Zielen und steigenden Anforderungen, gepaart mit einem hohen Wettbewerb, stellen heute die Hauptursache für das Aufkommen von Stress dar. All dies geht einher mit dem Kampf ums Überleben und um beruflichen Erfolg und Aufstieg, verbunden mit der ständigen Angst, den Job zu verlieren. Die Arbeitsbedingungen sind so gestaltet, dass menschliche Qualitäten, wie Mitgefühl, Rücksicht und Verständnis, Zusammenhalt und gegenseitiger Respekt immer weniger Raum finden. All diese Faktoren führen dazu, dass der Mensch zunehmend in seinen Lebenskräften erschöpft.

 

Das Ziel dieses Artikels ist es, zu einem erweiterten Verständnis des Burn-out-Syndroms zu führen und aufzuzeigen, wo und wie Ayurveda hier unterstützend eingreifen kann.

 

Dispositionen aus ayurvedischer Sicht:

 

Jonas Mosby's Lexikon der komplementären und alternativen Medizin definiert Burnout als einen Zustand, der dann entsteht, wenn Energie schneller verbraucht, als aufgebaut wird. Diese Erklärung ist besonders im Hinblick auf eine bestimmte Kategorie von Menschen bedeutungsvoll, die aus ayurvedischer Sicht eine Disposition für das Burn-out-Syndrom besitzen. Unter den verschiedenen Konstitutionstypen, die sich von dem Drei-dosha-Prinzip, vatha (Element Luft vorherrschend), pitha(Element Feuer vorherrschend) und kapha (Element Erde und Wasser vorherrschend), ableiten lassen, sind es die Konstitutionen vatha und pitha oder eine Kombination aus beiden, die eine besondere Anfälligkeit für das Burn-out-Syndrom besitzen.

 

Pitha-Konstitution

 

Da das Element Feuer, welches einen divergenten oder sich ausbreitenden Chrakter besitzt, in Menschen mit pitha-Konstitution dominiert, ist ihr Körper warm und sie schwitzen leicht. Der Grund dafür liegt auch in einer hohen peripheren Durchblutung. Weiterhin besitzen Menschen mit pitha-Konstitution einen großen Appetit und Durst, eine starke Verdauungskraft und eine hohe Stoffwechselrate. Von ihren Charaktereigenschaften her sind sie stolz, emotional, dominant, ehrgeizig und messen sich gerne mit Anderen. Sie sind perfektionistisch, stellen hohe Ansprüche an sich selbst und können auch eine Menge Energie in ihre Aktivitäten hinein investieren. Aufgrund dieser Eigenschaften eignen sie sich sehr gut in Führungspositionen. Pitha-Menschen sind auch intelligent und ihr scharfer Intellekt oder mentales Feuer verleiht ihnen die Fähigkeit, Situationen schnell zu erfassen, Probleme zu lösen und schnell Entscheidungen zu treffen. Dabei fällt es ihnen nicht schwer, sich über Unsicherheiten, Zweifel und Schwächen hinwegzusetzen und Risiken in Kauf nehmen. Sie haben Visionen und neue Ideen und arbeiten hart, um sie zu verwirklichen. Daher findet man diese Menschen natürlicherweise in Berufen, wie dem des Entrepreneurs, Management Direktors, Managers, Politikers, Revolutionärs, Künstlers, Sportlers, Rebellen, Terroristen etc.. Sie besitzen einen besonderen Kampfgeist, und haben auch den Willen zu siegen. Zu ihren Schwächen gehört es, dass sie sich, wie früher die Könige, gerne umschmeicheln lassen, bei Kritik aber sofort ärgerlich werden.

 

Ebenso wie diese Könige leben sie vielfach im Misstrauen und in der Furcht gegenüber ihren Rivalen oder Konkurrenten, diese könnten ihnen ihr Territorium streitig machen, während sie aber gleichzeitig danch trachten, weitere Länder zu erobern und ihre eigene Machtposition zu erweitern. Diese Bestrebungen lassen sich ohne weiteres auch auf die heutige Berufs- und Arbeitswelt übertragen. Es liegt mehr oder weniger in der Natur dieser Menschen, sich immer in solchen Konflikten und Widersprüchen zu bewegen, Herausforderungen zu suchen und in die Konfrontation zu gehen. Einerseits klagen sie über Belastungen und Stress, können sich aber andererseits auch nicht zurückhalten und schreiten täglich wieder von Neuem in das Kampffeld.

 

Gerade weil sie hart arbeiten können und rücksichtslos gegen sich selbst sind, merken sie meist nicht, wenn sie das gesunde Maß ihrer Arbeit überschritten und ihre Energiereserven ausgeschöpft haben, weshalb sie dann durch gesundheitliche Einbrüche wieder abrupt in die Realität zurückgeholt werden. Ihre sehr sensible und emotionale Natur verleitet sie auch zu übertriebenen und unkontrollierten Reaktionen in Stresss- und Konfliktsituationen. Aufgrund des divergenten Charakters des Elementes Feuer, ist diese Reaktionsweise typisch für pitha-Menschen. Ebenso wie ein Funke genügen kann, um ein Feuer zu entfachen oder eine Explosion auszulösen, so sind auch die Reaktionen von pitha-Menschen oft überschießend und ausufernd, so dass sie sich in einer Flut von Emotionen verausgaben und ihre Energiereserven erschöpfen können. Wenn dieses Ungleichgewicht in der Konstitution besteht und agni oder Feuer die Oberhand über die konvergenten Elemente, Wasser und Erde, gewinnt, so verbrauchen Pitha-Menschen ein Übermaß an Energie in allem, was sie tun. Sie besitzen dann auch die Tendenz ihre Ansprüche auf ein Höchstmaß zu schrauben, um die beste Qualität und Perfektion zu erzielen. In Wirklichkeit aber steht die Energie, die wir in eine Arbeit oder Aktion hineinlegen, in einer Wechselwirkung mit dem, was als Reaktion zu uns zurückkommt. Je mehr wir auch der Seite der Reaktion Raum geben, desto weniger werden wir erschöpfen. Darüber hinaus gibt es auch einen Energieaustausch auf der psychischen Ebene, der sich auf alles, was wir tun, auswirkt. Beispielsweise wird ein begeistertes Publikum, welches laut applaudiert und tanzt, den Sänger oder die Sängerin auf der Bühne anspornen, nicht müde und erschöpft zu werden, sondern noch mehr zu geben und seine oder ihre Darbietung auf ein solch hohes Niveau zu führen, so dass er oder sie über sich selbst erstaunt sein wird. Im Gegensatz dazu werden beispielsweise Studenten, die kein wirkliches Interesse an den Lehrinhalten zeigen und gelangweilt dreinschauen, ihren Lehrer nicht dazu animieren, freudig mit seinem Unterricht fortzufahren. Menschen in sozialen und pflegerischen Berufen müssen diese Art des psychischen Energieaufbaues in besonderem Maße für ihre Klienten leisten. Da pitha-Menschen immer dazu neigen, mehr zu geben und zu leisten, als notwendig und gleichzeitig weniger zurückzugewinnen, unterliegen sie auf Dauer immer der Gefahr des Burnout, ganz besonders, wenn sie in den oben genannten Berufen arbeiten.

 

Menschen mit Pitha-Konstitution besitzen meist ein starkes Ego und ein sehr selbstbewusstes Auftreten. Sie zeigen sich gerne im Licht der Öffentlichkeit und lieben oder erwarten es, anerkannt, respektiert und bewundert zu werden. Gegenüber Kritik reagieren sie mit Enttäuschung und Niedergeschlagenheit. Sie nehmen zu viel Verantwortung auf sich in allem, was sie tun. Erfolg macht sie sehr stolz, während sie sich bei Misserfolgen zermürben und mit Vorwürfen beladen. Personen mit einem starken Ego glauben fälschlicherweise, dass sie für alles verantwortlich seien und alles nur von ihnen abhinge. Sie identifizieren sich zu sehr mit dem, was sie tun und vergessen dadurch, dass es in Wirklichkeit viele Faktoren sind, die zum Erfolg beitragen, wie beispielsweise unsere Kollegen, günstige Umstände, Glück oder der Faktor der Zeit. Anstelle der Einstellung: „Mein Wissen, meine Erfahrung, mein Geschick und meine Anstrengung haben mich zum Erfolg geführt.“ und „Durch meinen Willen kann ich alles erreichen.“, könnten sie sich auch sagen: „Ich habe mein Bestes getan und dadurch zu dem positiven Ergebnis der Sache beigetragen, während viele andere zum Teil ungesehene Faktoren im Hintergrund mitgewirkt haben.“ Auf diese Weise würde zwar der Mensch in seinem Ego weniger wachsen aber es würde auch die gesamte Last der Verantwortung erheblich gemindert werden.

 

Wenn jemand beispielsweise seinen Führerschein macht und das erste Mal auf dem Fahrersitz sitzt, so wird er zunächst das Lenkrad fest umklammert halten, weil er unbewusst glaubt, alles hinge nur von ihm ab und er müsse alle Kraft aufwenden, um das Auto in der Spur zu halten. Da der Fahrschüler fälschlicherweise denkt, dass der gesamte Vorgang des Fahrens allein in seiner Verantwortung liegt, wird er auch unter einer enormen Anspannung stehen. Erst nach einigen Wochen oder Monaten der Fahrpraxis stellt er verwundert fest, dass das Auto eigentlich fast von alleine fährt. Während er zu Beginn eine 100ige Aktion in das Fahren hineingelegt hatte, wird sich mit zunehmernder Fahrpraxis auch der Teil der Reaktion immer weiter entwickeln. Damit können auch die Anspannungen losgelassen werden und es entsteht Leichtigkeit beim Fahren, da nun nicht mehr nur die Aktion des Fahrers sondern auch die Reaktion des Fahrzeugs immer mehr zum Tragen kommt. Es scheint sich bezüglich des Krafteinsatzes das Verhältnis sogar umzukehren, indem der Fahrer zu der Erfahrung gelangt, dass der Hauptteil der Aktion von seinem Fahrzeug ausgeht und er es ist, der reagiert, womit ihm schließlich das Fahren immer mehr zur Freude wird.

 

Je mehr man diese Seite der Reaktion mit einbezieht, desto geringer wird letztendlich der Energieaufwand, der bis auf ein Minumum reduziert werden kann, vergleichbar mit dem sich tragen Lassen auf der Wasseroberfläche. Der eigene Wille und damit auch das Ego werden so weit zurückgenommen, so dass diejenigen Kräfte zum Eingreifen kommen können, die nicht unmittelbar aus unserem Willen kommen, die aber ebenfalls wirksam sind. Im Tiefschlaf sind die treibenden Kräfte und unser Ego vollkommen passiv, dann ist eine größtmögliche Entspannung und Aufladung der Lebenskräfte gegeben. Das Ego lässt uns eigene Interessen verfolgen und führt uns zu eigenen Entscheidungen und willentlichen Handlungen. Dies ist vergleichbar mit einem Fisch, der im Wasser umherschwimmt und dabei eine andere Richtung nimmt, als die Strömungsrichtung des Wassers. Die Triebkräfte aus dem eigenen Willen können wir nicht leugnen oder unterdrücken, wir können sie aber höheren Werten und Zielen, die dem Gemeinwohl dienen und auf ein höheres Ideal ausgerichtet sind, unterordnen. Wenn wir einen Beruf finden, der unseren Fähigkeiten und Interessen entspricht und damit auch einen Beitrag zum Wohl Anderer leisten, so werden wir selbst dadurch ebenfalls einen Aufbau erfahren. Ist für die Arbeit, die wir ausführen bereits ein wirkliche Notwenidgkeit gegeben oder erfüllen wir damit einen Dienst, für den ein wirklicher Bedarf auch im Sinne von höheren Werten besteht, so werden wir mehr den bestehenden Bedürfnissen und Notwendigkeiten gerecht. Wenn wir dagegen versuchen, unnatürliche Bedürfnisse zu schaffen oder wenn unsere Arbeit nicht in irgendeiner Form dem Gemeinwohl zugute kommt, unnütz oder überflüssig ist oder gar anderen schadet, dann werden wir damit einen hohen Energieverlust erleiden.

 

Menschen mit pitha- und pitha-vatha-Konstitution sind in der Regel weniger robust. Gerade pitha-Menschen neigen aufgrund ihres Temperamentes dazu, sich emmotional zu sehr zu verausgaben, wodurch sich ihre Energiereserven vollständig aufbrauchen können. Sie sind meist schon am Nachmittag erschöpft und benötigen Ruhe und Aufbau. Ein Mittagsschlaf hilft ihnen in diesem Fall ihre Kräfte wieder aufzubauen, anstatt zu Kaffee oder Enegie-Drinks zu greifen, die lediglich die tieferen Energiereserven anzapfen. Ayurveda empfiehlt strikt, keine Aktivität, weder physischer, noch mentaler Art bis zur völligen Erschöpfung zu betreiben. Ein bestimmtes Maß an Energie sollte immer zurückbehalten werden. Für Menschen mit den genannten Konstitutionen ist es ganz besonders wichtig, mehr auf den Aufbau und die Erhaltung der eigenen Energiereserven zu achten, als sich in übersteigerten Aktivitäten zu Verausgabung. Dies ist wie der Umgang mit den Finanzen, bei dem die Ausgaben in einem ausgewogenen Verhältnis zu den Einnahmen und Ersparnissen stehen und diese nicht übersteigen sollten, um unsere finanzielle Liquidität auf Dauer zu gewährleisten.

 

Häufig gehören die Patienten mit Burn-out-Syndrom zu der obigen Kategorie von Menschen und Konstitutionstypen und sind um die fünfzig, ein Alter, das mehr den Nachmittag des Lebens markiert. Gemäß dem Konzept des Ayurveda, dominiert in allen Lebewesen im ersten Drittel des Lebens das kapha-Dosha, im zweiten Drittel pitha und im letzten Drittel vatha. Indem kapha im ersten Lebensdrittel dominiert, überwiegen die Wachstums- und Aufbauvorgänge. Damit ist den Menschen in jungen Jahren auch ein gewisser Schutz von der Natur gegeben, durch den sie viele ungesunde Dinge tun können, ohne sogleich krank zu werden. Je älter wir werden, desto mehr nimmt die Natur diesen Schutz zurück und legt es in unsere Verantwortung, auf unsere Gesundheit zu achten. Gerade pitha- und pitha-vatha-Menschen erleben dies als einen großen Einschnitt und eine Krise, die sie unter Umständen dazu zwingt, ihr Leben vollkommen zu verändern.

 

Vatha-Konstitution

 

Individualitäten, die zu der Kategorie von Menschen mit vatha-Konstitution zählen, weisen eine gering entwickelte Körperlichkeit auf und besitzten eine ruhelose, hyperdynamische und extrovertierte Natur, oft einhergehend mit niedrigem Blutdruck, kalten Extremitäten und trockener Haut. Das Überwiegen des Luft-Elementes verleiht ihnen Leichtigkeit und fördert die obigen Eigenschaften. Vatha-Menschen essen kleine Portionen wann immer es ihnen gelüstet, anstatt richtige Mahlzeiten zu festen Zeiten. Sie haben oft Schwierigkeiten beim Einschlafen, neigen zu Schlaflosigkeit und haben auch einen leichten Schlaf, so dass sie insgesamt weniger schlafen und nicht so tief. Vatha-Menschen verbrauchen allgemein viel mehr Energie, als sie aufnehmen, weshalb sie sehr leicht zu Burnout neigen, ganz besonders dann wenn sie dazu auch noch starke pitha-Eigenschaften besitzen.

 

Das Konzept von ojas

 

Ojas kann allgemein als die reine und lichthafte Ausstrahlung des Menschen bezeichnet werden. Im Ayurveda wird es definiert als das thejas oder die Aussstrahlung der dhathus, der Grundmaterialien des physichen Körpers. Die sieben Grundmaterialien des Körpers werden nacheinander aus der Essenz des verdauten und absorbierten Nahrungsbreis, rasam, gebildet. Dabei verwandelt sich ein dhathu in das nächstfolgende, was zu einer Kette von Umwandlungen führt, aus der am Ende schließlich ojas hervorgeht. Ojas ist somit dasjenige, was wieder nach außen zurückstrahlt, eine Gabe des Menschen zurück an das Leben. Suklam oder die Keimplasma steht in der Kette der dhathus an letzter Stelle und trägt die Essenz des gesamten Organismus in sich. Agni oder Feuer ist dasjenige Element, das als treibende Kraft all diesen Transormationen und Stoffwechselprozessen innewohnt. Daher wird agni gemäß seiner jeweiligen Funktion, die es bei der Umwandlung von einem dhathu in das nächste erfüllt, in sieben verschiedene Arten unterteilt. Die Intensität, in der diese Umwandlungsprozesse ablaufen, findet ihren sichtbaren Ausdruck in thejus, was übersetzt „Ausstrahlung“ bedeutet. Agni ist das Feuer selbst; je stärker es brennt, desto weiter und kraftvoller strahlt es auch nach außen aus.


Am Beispiel des Feuers lassen sich auch die drei grundlegenden Prinzipien des Lebens, sathwam, rajas und thamas, bildhaft darstellen. Diese Prinzipien sind für ein weiteres Verständnis des Burn-out-Syndroms von Bedeutung. So kann das helle Licht, das vom Feuer ausstrahlt, dem reinen Prinzip von sathwam zugeordnet werden, die brennende Flamme dem leidenschaftlichen Prinzip von rajas und der Brennstoff, dem thamas, dem trägen und gebundenen Prinzip. Sathwam, rajas und thamas sind als die drei grundlegenden Prinzipien sowohl auf der seelischen Ebene als auch im gesamten Universum wirksam. Thamas findet seine Entsprechung mehr in der Materie, rajas in den verschiedenen Formen von Energie und sathwam im Bewusstsein. Diese drei Prinzipien sind in unterschiedlichen Verhältnissen überall gegenwärtig. In seelischer Hinsicht steht sathwam in Verbindung mit Freiheit, Wahrheit, Erkenntnis, Licht, spiritueller Entwicklung. Thamas repräsentiert dagegen Dunkelheit, Ignoranz, Angst, Trägheit, Passivität, Bindung und Abhängigkeit sowie Verneinung von Spiritualität. Rajas befindet sich in der Mitte zwischen diesen beiden Kräften und ist wie das Kampffeld, auf dem sathwam und thamas aufeinandertreffen und in Konfrontation miteinander treten. Aus dem Gefecht dieser beiden Kräfte arbeiten sich die Handlungen und Geschehnisse im Leben aus, die zu Entwicklung und Fortschritt sowohl auf der materiellen als auch auf der seelischen Ebene führen. Somit steht rajas in Verbindung mit Willenskraft, Ehrgeiz und Zielstrebigkeit aber im negativen Sinne auch mit Konflikten, Stress, Gier, Neid und Aggression. 

 

Allgemein repräsentiert rajas Dynamik und Umwandlung. Es ist wie das Feuer oder Licht das mit Hitze einhergeht, während sathwam als reines Licht ohne Hitze definiert wird. Genauer gesagt, dominiert in rajas die Wärme oder Hitze, in sathwam das Licht und in thamas Dunkelheit und Kälte. Ziel der seelischen Entwicklung des Menschen ist eine Transormation von thamas zu sathwam.Agni führt thamas, das von Trägheit und Schwere bestimmt ist, in die Aktivität, verwandelt es in rajas und lässt schließlich sathwam hervortreten. Da es sich bei sathwam und thamas um Polaritäten handelt, findet diese Umwandlung in der Regel nicht in direkter Weise statt, sondern geht über eine Zwischenstufe, das rajas. In gewisser Weise ist dies vergleichbar mit einem Stück Kohle, welches zuerst einen Feuerfunken benötigt, der es entzündet, damit es in hellen Flammen brennen kann. Dies ist der Weg der Evolution, der Freisetzung von sathwam, während man bei der Involution von einem Prozess ausgeht, der sich in umgekehrter Richtung vollzieht und bei dem sich sathwam in rajas verwandelt und dieses wiederum in thamas, welches zur Manifestation der Materie führt.


Die Photosynthese der Pflanzen könnte als ein Beispiel für Involution betrachtet werden. Im Ayurveda wird die Pflanze als Gegenbild zum Menschen verstanden. Als solches trägt sie ihren Kopf unten und den unteren Pol oben. Wenn wir den Stoffwechsel von Pflanze und Mensch oder Tier als die zwei Hälften eines Kreises betrachten, die insgesamt einen großen Kreislauf beschreiben, so nimmt die Pflanze mehr den nach unten gerichteten kühlenden Fluss der kosmischen Energie in sich auf, der das Leben in einen Aufbau führt und erhält. Dies entspricht der weiblichen, empfangenden Seite dieses Kreislaufs und steht mit dem Element Wasser in Verbindung. Die Produkte, wie Früchte und Samen, die aus diesem Prozess hervorgehen, werden vom Menschen und vom Tier als Nahrung aufgenommen, abgebaut und die darin gespeicherte Energie für den eigenen Aufbau und den Erhalt des Lebens genutzt. Dies entspricht dem nach oben gerichteten und erhitzenden Fluss der kosmischen Energie. Diese Hälfte des Kreislaufs steht für das männliche Prinzip, das mit dem Element Feuer in Verbindung steht. Ojas stellt das Endprodukt in diesem Kreislauf von Umwandlungen dar und beschreibt die Freisetzung von sathwam und dessen Rückführung in seine ursprüngliche lichte Form.

 

In der Sprache der Naturwissenschaft gesprochen, entspräche dies der Reise des Lichts, die mit der Photosynthese beginnt, sich nach unten fortsetzt und dann umkehrt, um über die Verdauung und den Stoffwechsel von Mensch und Tier wieder freigesetzt zu werden. Der gesamte Kreislauf der Umwandlungen endet, in der Bildung von Biophotonen, welche von der Wissenschaft als Lichtteilchen definiert werden, die von biologischen Systemen ausgestrahlt werden. Die Verdauung erst dann als vollständig betrachtet werden, wenn die Umwandlung bis zu dieser letzten Stufe stattfindet, auf der eine bestimmte Form von Energie freigesetzt wird, die als Licht wieder in den Kosmos zurückstrahlt und damit das individuelle Leben mit der kosmischen Ebene des praana verbindet. Somit stellt der gesamte Stoffwechsel eine Art Ableger des universalen Flusses der Energie dar. Obwohl jeder Stoffwechselkreislauf eine individuelle Einheit darstellt, so steht er dennoch in seinem Anfangs- und Endpunkt auch mit dem Kosmos in Verbindung. Es besteht damit ein Zugang zu der Quelle universellen Quelle der Energie, dem kosmischen praana, die letztendlich unerschöpflich ist. Wenn das Individuum dagegen nur aus dem eigenen Willen heraus lebt, ist es abgeschnitten von diesem Zufluss und vergleichbar mit einer Frucht, die vom Baum gefallen ist und nur noch von den eigenen Energiereserven und deren Umsetzung lebt.

 

Ein Samenkorn repräsentiert thamas, da sich in ihm die Aktivität und das Bewusstsein in einem schlafenden Zustand befinden. Die Physiologie und das Wachstum der Pflanze stehen für rajas und die sich öffnende Blüte mit ihrer Strahlkraft trägt den Ausdruck von sathwam. So steht am Ende dieses Lebenskreislaufs die Blüte, durch die sathwam in Erscheinung tritt, während die Frucht mit den Samen schon mehr der nächsten Generation zugehörig ist. Die Entwicklung vom Samenkorn zur Blüte markiert die nach oben gerichtete Bewegung in diesem Kreislauf, welche dem Wachstum enspricht, wohingegen die Frucht und die Samen nach unten ausgerichtet sind. Der Chrarakter von thamas wird als einhüllend oder bedeckend beschrieben und mit dem Begriff aavaranam bezeichnet. Wenn wir nun das Keimen eines Samenkorns mit der Öffnung der beiden Keimblätter als das Aufbrechen einer Hülle und damit von thamas betrachten und die Formation aller weiteren Blätter als eine Fortsetzung dieses Aufbrechens von immer weiteren Hüllen, so stellt die Blüte schließlich das Ende von thamas und zugleich die Freitsetzung von reinem sathwam dar. Dieser einhüllende, bedeckende Charakter verleiht thamas eine mehr oder weniger kugelförmige Gestaltbildung. Indem alle Hüllen nacheinander aufgebrochen werden, ist das, was am Ende in Erscheinung tritt, das Innerste der Kugel. Wenn in Indien Gottheiten auf einer Lotosblüte stehend dargestellt werden, so ist dies ebenfalls in diesem Sinne zu verstehen. So, wie die Blüte das Endprodukt der Pflanze darstellt, so entsteht am Ende des Stoffwechselkreislaufs, wenn dieser zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht wurde, sathwam in der Form von ojas. Der gesamte Kreislauf des Lebens, der in seiner letztentlichen Größe auch die seelische und geistige Ebene umfasst, endet wie es heißt, mit dem sich Öffnen des tausendblättrigen Lotus. Das folgende manthra ist in diesem Zusammenhang bedeutungsvoll:

 

Asatho maa sath gamaya

Führe mich von der Unwahrheit zur Wahrheit

Thamaso maa jyothir gamaya

Führe mich von der Dunkelheit zum Licht

Mruthyor maa amrutham gamaya

Führe mich vom Tod zur Unsterblichkeit


Wir stellen fest, dass letztendlich in jeder Zeile dieses manthra das Gleiche ausgesagt ist, da Unwahrheit gleichbedeutend ist mit Dunkelheit und Tod und ebenso Wahrheit gleichzusetzen ist mit Licht und Unsterblichkeit. Zusammenfassend gesagt ist es immer die Umwandlung von thamas in sathwam, die den einzelnen Zeilen des manthra zugrunde gelegt ist.

 

Die feinste Essenz in der verdauten und absorbierten Nahrung ist nicht materieller, sondern geistiger Art Es ist das sathwam, das dem Bewusstsein unmittelbar als Nahrung und aufbauende Kraft zufließt und sich als ojas über die Ausstrahlung des Menschen ausdrückt. Alle Aktivitäten und Prozesse, die zu Ende gebracht oder fertig gestellt werden, wie beispielsweise das Wachstum einer Pflanze, das sich zur Blüte und Fruchtbildung entfaltet, beschreiben ebenfalls diese Freisetzung von sathwam.

 

Mit anderen Worten ausgedrückt bedeutet dies, dass Fruchtbarkeit oder Erfolg das zentrales Ziel eines jeden Prozesses darstellen und nur durch die Vollendung des gesamten Prozesses, kann die aufgewendete Energie wieder regeneriert oder zurückgewonnen werden. Auf die Arbeitsverhältnisse bezogen bedeutet dies, dass wir Anerkennung und Bestätigung von außen benötigen, damit sich der Kreislauf schließt und wir die Energie, die wir in die Arbeit investiert haben, wieder zurück erhalten. Der Lohn, der uns aus der Arbeit selbst zufließt, besteht in der Zufriedenheit, die dann aufkommt, wenn wir aus voller Bereitschaft arbeiten können. Um so wichtiger erscheint es, dass wir eine Arbeit auch gerne tun, dass sie unseren Fähigkeiten und Neigungen entspricht und wir unser Wissen und Können einbringen können. Wenn der Beruf die größte Leidenschaft bildet, dann kann durch die Konzentration darauf und durch das Arbeiten in wirklicher Hingabe eine höhere Ebene der Dynamik und Leichtigkeit erlangt werden, vergleichbar mit einer höheren Quantenstufe. Auf dieser Grundlage können neue und besondere Fähigkeiten und herausragende fachliche Qualifikationen entwickelt werden.

 

Prabha und chhaaya in der Ausstrahlung des Menschen

 

Das Sanskrit-Wort prabha kann übersetz werden als „Leuchten“, „Strahlen“, „Helligkeit“ oder „heller Schein“, während chhaaya das Gegenteil hiervon bedeutet, nämlich „Verdunkelung“, „Trübung“ oder „Schatten“. Laut Ayurveda besitzt jedes Individuum sowohl prabha, als auch chhaaya in der Ausstrahlung seines physischen Körpers. Prabha besitzt eine Beziehung zu pitha und steht somit mit der Aktivität des Stoffewechsels sowie mit einem rajas-geprägten Charkter in Verbindung. Chhaaya dagegen ist im Zusammenhang zu aamam zu verstehen, welches sich durch einen zu trägen Stoffwechsel in Form von Schlacken und Giften im Körper ansammelt, sowie mit einem thamas-geprägten Bewusstsein. Es heißt weiterhin, dass prabha schon von weitem sichtbar sei, chhaaya hingegen nur aus der Nähe. Nehmen wir an, eine Gruppe von Menschen käme auf uns zu, so würde unsere Aufmerksamkeit automatisch von demjenigen Gesicht angezogen werden, welches die stärkste Ausstrahlung besitzt, vergleichbar mit einer Blüte an einem Busch. Es ist eine Art natürlicher Instinkt, der uns dazu veranlasst,

 

unsere Aufmerksamkeit primär auf die helleren und sich bewegenden Objekte zu fixieren. Schattenhaftigkeit oder Dunkelheit fallen dagegen erst dann ins Auge, wenn die jeweilige Person nahe genug an uns herangekommen ist. Es ist wiederum pitha, welches auch der Haut ihren strahlenden Taint verleiht. Während der Jugend und Adoleszenz dominiert pitha und ist gleichzeitig ausgeglichen in seiner Funktion, weshalb wir bei Menschen in diesen Alterstufen eine schöne Ausstrahlung ihrer Haut wahrnehmen können. Prabha wird in Zuständen der Erschöpfung, aber auch wenn Toxine oder aamam im Körper vorhanden sind oder bei Depressionen, Ängsten und Kummer, von chhaaya überschattet, was dann auch nach außen hin deutlich sichtbar wird. Andere Menschen, die das chhaaya in der Ausstrahlung einer Person wahrnehmen, bekunden dies dann oft mit Fragen, wie: „Was ist los mit dir?“ oder „Ist etwas nicht in Ordnung?“.

 

Die Unterscheidung von prabha und ojas:
 

Ojas wird im Ayurveda allgemein als die Strahlkraft der dhathus, der Grundmaterialien des Körpers definiert, wobei jedoch betont wird, dass es in erster Linie aus der Umwandlung des letzten dhathu, des suklam oder Keimplasma, hervorgeht. Diese Ausstrahlung von ojas ist wie das reinste Licht ohne Wärme. Prabha ist dagegen mehr wie das Licht, das von einer Feuersglut ausstrahlt, während ojas eine Lumineszenz darstellt. Prabha entsteht durch biochemische Prozesse im physischen Körper. Ojas aber ist wie die „Cremeschicht“ hiervon und besitzt auch einen Zusammenhang zum Bewusstsein und zur Seele. Ein Mensch mit sathwa-artigem Charakter gilt von Natur aus als immun gegen Krankheiten und wenn sich doch eine Krankheit manifestiert, so heilt sie schneller und leichter wieder aus. Die Befolgung von Moral und Rechtschaffenheit, dharma, und Wahrheit, die Einhaltung von Sauberkeit und Ordnung, die Pflege einer einfachen Lebensweise u.s.w. gelten als Faktoren, die zu einem langen Leben beitragen. Wenn thamas, das dunkle und schwere Prinzip, auf der physischen und mentalen Ebene abnimmt, dann wird das Leben mehr empfänglich für die Energie aus dem Kosmos. Dies ist vergleichbar mit der Umwandlung des Kohlenstoffs von seiner schwarzen Kohlenform in die eines Diamanten, der in seiner geschliffenen Form durchscheinend wird für das Licht. Somit beruht ein Teil von ojas auf einer Strahlkraft, die von außen kommt, vergleichbar mit dem Schein des Diamanten, der durch das Licht von außen hervorgerufen wird. Diese Strahlkraft aber wird durch spirituelle Entwicklung, die in etwa dem Schleifen des Diamanten gleichkommt, verstärkt. Auch die Ausstrahlung manch alter Menschen, erklärt sich mehr durch eine seelisch-geistige Reife, als durch die Vitalkraft aus dem Stoffwechsel, zumal sich sowohl pitha als auch agni im Alter abschwächen.


Von Seiten der Sinneswahrnehmung ist eine genaue Unterscheidung von prabha und ojas nicht so ohne Weiteres möglich. Aus diesem Grunde heißt es, dass die Farbe von ojas, derjenigen von Mondlicht gleicht, jedoch mit einer Spur von Rot und Gelb. Diese farblichen Untertöne stehen für die niedrigeren Intensitätsstufen von agni innerhalb der unteren Transformationsebenen, so wie eine Flamme rötliche, gelbliche, sowie helle weiße und blaue Tönungen aufweist. Prabha und ojas, welche von Seiten des Stoffwechsels herrühren, entfalten natürlicherweise ihre größte Intensität in der Jugend und schwächen sich mit zunehmendem Alter kontinuierlich ab, wie die Glut, die nach und nach erlöscht, während das ojas, das seine Strahlkraft von Seiten des Bewusstseins erhält, sich immer weiter entwickeln und verstärken kann. Die Art der Ernährung und Lebensweise mit Bewegung, sowie die Einnahme bestimmter Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel kann bis zu einem gewissen Grad zum Erhalt und zur Steigerung von ojas beitragen; entscheidend für ein langes und gesundes Leben sind jedoch letztendlich die spirituellen Errungenschaften. Die Glut eines Feuers wird irgendwann unweigerlich erlöschen, während die Strahlkraft eines Diamanten niemals erlöscht.

 


Das Herz als das Zentrum von ojas

 

Das Herz ist das Zentrum des Lebens, in welchem sich das physische Leben mit dem Bewusstsein verbindet. Ojas steht als vermittelnde Komponente zwischen beiden Polen, dem oberen Pol und dem unteren Pol und repräsentiert agni. So wie Licht eine Voraussetzung ist, um zu sehen, so ist ojas das Medium, mit dessen Hilfe das Bewusstsein jeden Winkel des physischen Körpers erreicht. Durch den Verlust von ojas schwächt sich diese vermittelnde und verbindende Komponente ab und damit auch die Lebenskraft im Körper. So wie auf alten Bäumen viele Parasiten einen guten Nährboden finden, so werden durch ein schwaches ojas auf der physischen und mentalen Ebene Bereiche geschaffen, die dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich sind und damit Parasiten und Krankheiten ein gutes Millieu bieten oder als Blockaden bestehen. Das Herz ist wie eine Leuchte, ausgehend von der sich das Licht von ojas über den gesamten Körper ausbreitet und die sichtbare Ausstrahlung dieses Lichts ist der Ausdruck dieses inneren Lichts. Durch den Verlust von ojas geht auch diese Verbindung des Bewusstseins mit dem Körper auf der feinstofflichen Ebene verloren. Ein kraftvolles ojas hingegen führt zu einem guten Zusammenhang des Bewusstseins und der Seele mit dem Körper, was gleichzeitig auch mit einer gesunden Lebenskraft und einem starken Immunsystem einhergeht.

 

Faktoren, die zur Schwächung von ojas führen

 

Zu den Faktoren, die zu einem Verlust von ojas führen, zählen u.a. Hunger, Erschöpfung, ein exzessives oder ausschweifendes Sexualleben, Ärger, unkontrollierter Zorn, einseitige Verausgabung, anhaltender Stress, Kummer und Sorgen, die das Denken zu sehr gefangen nehmen. Ojas gilt allgemein als kühlend in seiner Eigenschaft, während die physische und mentale Erschöpfung eine Verbrennung aller Energiereserven und von ojas zur Folge hat. Weiterhin tritt eine Schwächung von ojas ein, wenn man sich einer zu starken Sonnenbestrahlung und Hitze aussetzt, sowie durch zu viel oder zu häufiges Essen und Trinken und durch sehr kalte Getränke. Agni, das Feuer im Menschen, welches für alle Transformationen, sowohl auf der körperlichen, als auch auf der mentalen Ebene, zuständig ist, sollte stark genug sein, damit es diese Aufgabe auf jeder Stufe vollständig erfüllen kann. Da ojas in erster Linie aus der Umwandlung des sukla-dhathu oder der Keimflüssigkeit entsteht, führt ein zu starker Verlust dieses dhathu unweigerlich auch zu einer Schwächung von ojas.

 

Die Anzeichen für ein schwaches oder starkes ojas:

 

Ein schwaches ojas äußert sich beispielsweise in Ängsten, Kummer und Hoffnungslosigkeit. Durch einen Abbau auf der mentalen Ebene, entsteht auch ein Kräfteverlust auf der physischen Ebene. Dieser Zustand geht mit einem Mangel an Aktivität einher und führt dazu dass der Mensch ständig seinen Gedanken nachhängt. Die Sinnesorgane werden schwächer und es entsteht eine Überempfindlichkeit gegenüber Reizen, so dass Trübheit und Schwere, sowohl auf der physischen, als auch auf der mentalen Ebene dominieren und zu negativen Gedanken verleiten. Als äußere Anzeichen zeigen sich Trockenheit der Haut, Haare und Nägel. Bestehen dagegen Zuversicht, eine positive Lebenseinstellung, Willenskraft, Wachstum und Stärke, so ist auch das ojas kraftvoll und umgekehrt.

 

Die folgende Tabelle enthält eine Gegenüberstellung der Symptome, wie sie heute aus schulmedizinischer Sicht dem Burn-out-Syndrom zugeschrieben werden und der Anzeichen wie sie aus der Sicht des Ayurveda bei dem Verlust von Ojas auftreten:

 

 

 

Allgemein

 

So wie wir essen müssen, wenn wir hungrig sind oder trinken, wenn wir durstig sind, so benötigt der Mensch, der den natürlichen Gesetzen unterliegt, auch Ruhe, wenn er erschöpft ist. In Phasen der Ruhe oder Inaktivität sammeln sich die verbrauchtetn Energien wieder zurück und machen uns körperlich und mental wieder bereit für neue Aktionen. Daher sollte jeder genügend Zeit zur Entspannung, Erholung, Erfrischung und Regeneration zur Verfügung haben.

 

Da die gegenwärtige Welt dem Prinzip der Steigerung folgt, fordert sie von der arbeitenden Bevölkerung immer mehr Einsatz und Energie, wodurch Stress letztendlich unvermeidbar ist, zumindest solange der Einzelne nur versucht, den Anforderungen gereicht zu werden. Es besteht ein Streben nach immer mehr Profit, mehr Effizienz, Dynamik und Fortschritt. Die Menschen streben ebenfalls nach einem höheren Einkommen, höheren Lebensstandard, immer neuen Konsumgütern und immer mehr Sicherheiten. In einer solchen Kultur überwiegen die maskulinen Eigenschaften, während die feminine Seite, welche mehr dem Prinzip der Reaktion entspricht, schwach und unterlegen ist. Die Eigenschaften der Langsamkeit, Sorgfalt, Geduld, Sanftheit, Bescheidenheit oder eine einfache und genügsame Lebensweise, werden heute ganz besonders in der Arbeitswelt fälschlicherweise als Schwäche, Bequemlichkeit oder gar Faulheit interpretiert. Diese und andere Eigenschaften, die einst als hohe menschliche Werte und erstrebenswerte Tugenden galten, werden heute allgemein in ihrem Ansehen herabgestuft und belächelt. Auch Menschen mit einer vegetarischen Ernährung werden im sozialen und gesellschaftlichen Leben teilweise immer noch wie Außenseiter behandelt, die sich vor Anderen rechtfertigen müssen. Die mehr maskulinen Eigenschaften, wie beispielsweise, Ehrgeit, Konkurrenzdenken, Leistungsstärke, werden dagegen als höchst positiv bewertet. In Wirklichkeit sollten beide Seiten, sowohl die männliche als auch die weibliche, gleichermaßen zur Entfaltung gebracht werden und sich gegenseitig ausgleichen. Die starke Dominanz der maskulinen Seite ist die Ursache für die Entstehung und Ausbreitung des Burn-out-Syndroms.

 

Umgang mit Burnout im Ayurveda

 

Die entscheidende Maßnahme im Ayurveda im Umgang mit Burnout liegt in der Besänftigung von pitha und vatha und in der Förderung von ojas. Aus ayurvedischer Sicht wirken alle aufbauenden und regenerierenden Behandlungen dem Burn-out-Syndrom entgegen. Weiterhin benötigt der Patient eine gewisse Zeit der vollkommenen Ruhe. Eine sinnvolle Unterstützung sind auch Gesprächstherapie, Meditation und Yoga. Da die Ursache des Burn-out-Syndroms mehr seelischer als körperlicher Art ist, bedarf es über diese äußeren Maßnahmen hinaus auch neue Inhalte im Leben, die spezifisch auf die jeweilige berufliche Tätigkeit und die Lebensumstände ausgerichtet werden sollten. Aus der Sicht des Ayurveda ist philosophisches und spirituelles Wissen die beste Medizin für alle seelischen Krankheiten und Disharmonien. Ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge der Krankheit, begleitet von Inhalten, die eine neue Bezugsrichtung in die Arbeit und allgemein in das Leben hineinbringen können, bilden die eigentliche Grundlage der Therapie. Wenn der Patient einmal die Ursachen und Zusammenhänge verstanden hat, die zum Entstehen der Krankheit geführt haben und bereit ist, eine bewusste Führung über sein Leben zu übernehmen, dann ist die äußere Art der Therapie nur noch von sekundärer Bedeutung. Das Verständnis hilft ihm auch, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, damit er nicht erneut diesen auszehrenden und krankmachenden Mechanismen unterliegt. Mit diesem Ansatz, wie er im Ayurveda gegeben ist, kann die Krankheit schließlich auch dauerhaft überwunden werden.

 

In der manusmruthi, einer der ältesten Schriften der Hindu-Philosophie, heißt es: „Derjenige, der dharma zerstört, wird selbst durch dharma zerstört werden und derjenige, der dharma beschützt, wird selbst durch dharma beschützt.“ Dharma, bedeutet übersetzt soviel wie, universale oder soziale Harmonie und Ordnung. Wer also entgegen dieser Harmonie und Ordnung arbeitet, der wird von ihr zerstört werden. Wer dagegen im Einklang mit dieser Harmonie und Ordnung lebt und sie unterstützt mit allem, was er denkt, fühlt und tut, der wird dadurch auch auf ganz natürliche Art und Weise geschützt sein. Der Ausgleich der doshas oder der Zustand von Gesundheit ist somit ein Ergebnis von dharma innerhalb des körperlichen und seelischen Lebens. Wenn wir verstehen, dass wir selbst ein Teil, eine Zelle oder ein Organ in dem weiten Feld von dharma sind und uns dementsprechend verhalten, dann werden wir auch in Verbindung sein mit dharma und damit einen kontinuierlichen Zustrom von Energie erhalten. Wenn wir uns jedoch mehr von eigennützigen Interessen leiten lassen, fallen wir unweigerlich aus dieser Ordnung heraus und werden abgeschnitten von dem natürlichen Zustrom von Lebenskräften.

 

Wenn sowohl das Management als auch die Angestellten einer Firma in ein solches Zusammenwirken kommen, dann entsteht eine Leichtigkeit und Harmonie in der Arbeit, die zur Freude wird. Stehen sich dagegen die beiden Parteien wie Gegner gegenüber und begegnen sich mit Misstrauen, dann kann daraus nur etwas entstehen, das vergleichbar ist mit einem Entzündungsprozess, einer Allergie oder Autoimmunerkarankung, bei der sich die einzelnen Komponenten gegenseitig abstoßen und das Immunsystem auf Dauer erschöpfen.

 

Randnoten:

 

Lexikon der Biologie:

Stoffwechselrate, bezeichnet den Umfang des Energiestoffwechsels eines Organismus pro Zeiteinheit. Sie wird oft gewichtsbezogen als spezifische Stoffwechselrate oder Stoffwechselintensität angegeben.

Copyright 1999 Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg

Emotionale Erschöpfung

Offiziell ist das BurnoutSyndrom keine Krankheit. Burnout ist im Kern ein psychisches Phänomen – mit Auswirkungen auf den Körper, Geist und die Seele.

Es ist bis heute nicht genau definiert und lässt sich schwer durch klare Anzeichen eingrenzen. Der Verlauf von Burnout kann sehr individuell ausfallen, ist aber eine ernst zu nehmende Krankheit, in der das überregte Stresssystem nicht zur Normallage zurückfinden kann.

Burnout ist das Endstadium eines schleichenden und langjähriger Prozesses, der uns selbst oft nicht bewusst ist.

In der Regel wird der eigene Zustand falsch eingeschätzt und deshalb meist erst sehr spät Hilfe gesucht.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Christine Hein

©Sajan Kumar Somarajan

 

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